

+7Kontinente:EU1. Lebendfotos
1.1. Falter
2. Diagnose
2.1. Weibchen
2.2. Genitalien
2.2.1. Männchen
2.2.2. Weibchen
2.3. Erstbeschreibung
3. Biologie
3.1. Habitat
3.2. Raupennahrungspflanzen
3.3. Nahrung der Raupe
- [Linaceae:] Linum narbonense [= Linum narbonensis] (Spanischer Lein, Französischer Lein, Narbonne-Lein)
- [Linaceae:] Linum tenuifolium (Schmalblättriger Lein)
Nach Nel (2001) leben die Raupen auf Lein-Arten (Linum narbonense und Linum tenuifolium).
(Autor: Peter Buchner)
Die erste - und möglicherweise einzige - originale Freiland-Raupenbeobachtung stammt hier von Chrétien (1904: 162-163) aus seinem Aufsatz "Les chenilles des lins". Ihm fiel bei Digne in Südfrankreich auf, dass die Blätter von Linum narbonense im September miniert waren, so wie sie im Frühjahr von den Jungraupen von Apterona helicoidella miniert wurden - aber dieser Verursacher konnte es nicht sein, denn dessen L1-Räupchen überwintern im mütterlichen Raupensack. Die Spuren sahen mehr wie die einer Coleophora-Jungraupe aus. Im Original: "En septembre 1901, je remarquai à nouveau que les feuilles du Linum narbonense L. étaient minées en partie et d'une facon différente de celles qui l'étaient par l'Anacampsis linella, mais rapellant la manière de miner d'une Coleophora, ou de l'Apterona crenulella Brd. J'avais, en effet, trouvé au printemps de nombreuses chenilles d'Apt. crenulella minant les feuilles de ce Linum; mais en septembre, ce ne pouvait être le fait de ces chenilles, puisque les toutes petites chenilles de cette espèce passent l'hiver dans le fourreau heliciforme de leur mère. Ce devait être alors, une Coleophora. En effet, dessous les feuilles, se voyaient de tout petits fourreaux brun foncé, caractéristiques d'une Coleophora. En outre, au bas des tiges, se tenaient fixés, tantôt droits, tantôt renversés, d'autres fourreaux de mème sorte, mais beaucoup plus grand et presque tous percés d'un trou sur la coté vers l'extremité. Conclusion naturelle : les petits fourreaux habités n'étaient pas à taille et, de plus, leur chenille étaient très parasitée."
Und dann folgte die Folgerung, die kommen musste: Es war keine Coleophora von Linum bekannt, also musste man die jungen Raupen durchzüchten, um zu erfahren ob die Art schon bekannt war - oder neu zu beschreiben wäre. Also grub Chrétien einige Lein-Pflanzen aus und züchtete die Räupchen damit weiter. Sie fraßen ja auch, aber die Überwinterung führte zum Totalverlust. Und die Zuchtversuche im nächsten Jahr - teilweise mit Linum usitatissimum sollen gar nicht erst geschildert werden, denn das Ergebnis war immer das Gleiche: Totalverlust. Aber der Forscher gibt ja nicht so leicht auf, also auf ins dritte Jahr: Jetzt wurden im Juni gleich 30 ausgewachsene Raupensäcke eingesammelt. Eigentlich konnte jetzt nichts mehr schief gehen. Fast nichts. Doch lesen wir im Original: "En juin 1903, donc, je recherche tout spécialement les fourreaux de cette Coleophora et, en plusieurs chasses, j'en récolte une trentaine, nombre qui me parut plus que suffisant. Je les nourris naturellement avec le Linum narbonense, que j'avais abondamment sous la main. L'éducation semble bien marcher, les fourreaux sont de belle taille. En juillet, ils se fixent, les uns sur un objet, les autres sur un autre, le plus grand nombre au bas des tiges. Quelques jours se passent, il sort quelque chose d'un fourreau .. Un parasite! Le lendemain et les jours suivants ... des parasites, toujours des parasites, jusqu'au 9 août, encore des parasites!"
Aber der erfahrene Züchter weiß, dass man sich nicht zu schnell entmutigen lassen darf - es war ja noch nicht aus allen Raupensäcken etwas geschlüpft. Also schrieb er in sein Raupenzucht-Tagebuch: "Il ne faut jamais désespérer". Und dann weiter: Après avoir vu sortir des parasites de deux douzaines de mes fourreaux, j'obtiens enfin deux papillons, un ♂, une ♀. Cette Coleophora s'apellera benedictella."
Es ging noch weiter: A ces deux sujets, un autre vin s'ajouter le 24 août suivant et ce fut tout. Trois papillons sur trente fourreaux ! Trois papillons après deux années de recherches ou de soins donnés à leur éducation ! Le sage, dit-on, sait se contenter de peu." - Und dann folgt die persönliche Bestätigung: "Eh ! oui, forcément !" Und dann folgt die Beschreibung dieser Coleophora benedictella. Auch wenn das Taxon 75 Jahre später von Baldizzone (1979) als jüngeres Synonym von C. striolatella erkannt wurde: Chrétien (1904: 162-163) verdanken wir es, dass wir etwas über die Lebensweise dieser Art wissen!
Nach Baldizzone (2019: 144) soll Suire (1961) weitere Angabe zur Raupenbeschreibung geliefert haben - ich habe diese Arbeit noch nicht studiert.
(Autor: Erwin Rennwald)
4. Weitere Informationen
4.1. Synonyme
- Coleophora benedictella Chrétien, 1904 [synonymisiert von Baldizzone (1979: 113)]
- Coleophora dichroella Toll, 1952 [synonymisiert von Baldizzone (1989: 149)]
- Coleophora moestella Toll, 1952 [synonymisiert von Baldizzone (1985: 196)]
4.2. Faunistik
Diese Art wurde bis 7. März 2012 nicht in der Mitteleuropa-Liste des Forums angeführt. Doch schon die Originalbeschreibung ("....MANN entdeckte diese seltene Art bei Wien auf dem Rodauner Berg.....") lässt erkennen, dass sie in Österreich vorkommt, sie wird auch in der Österreich-Liste angeführt. Es ist daher davon auszugehen, dass sie hier nur vergessen wurde. (Anmerkung Peter Buchner)
Die Art wurde von Gaedike et al. (2017) in das "Verzeichnis der Schmetterlinge Deutschlands" aufgenommen. R. Gaedike begründete: "Erstfund für BY siehe Segerer et al. (2015), damit auch erster gesicherter Nachweis für D. Die Angabe für BW von Reutti (1898) über ein am 16.7.1890 bei Tauberbischofsheim gefangenes Exemplar kann ohne Überprüfung des Falters nicht verifiziert werden (Hausenblas in litt.)."
Segerer et al. (2015: 72) hatten den Fund in Bayern ausführlich erläutert: "Bestätigung des Vorkommens in Deutschland, neu für Bayern. Der nach äußeren Merkmalen unbestimmbare Miniersackfalter wurde aus dem östlichen Österreich und Ungarn beschrieben und kommt darüber hinaus in Süd- und Südwesteuropa vor (Baldizzone & van der Wolf 2013). Toll (1962: 666) gibt die Art auch – ohne Nennung konkreter Daten – aus Südwestdeutschland an, worauf vermutlich die Auflistung bei Baldizzone (1996: 86) für Deutschland zurückzuführen ist. In der aktuellen Fauna Europaea wird sie für Deutschland nicht mehr angeführt (Baldizzone & van der Wolf 2013). C. striolatella entwickelt sich nach Nel (2001: 10) an Linum narbonense und L. tenuifolium. In Deutschland kommt nur die letztere Pflanze natürlich vor, mit einem deutlichen Verbreitungsschwerpunkt in einem Teil Unterfrankens (Arbeitsgemeinschaft Flora von Bayern 2015). Von dort stammt auch – in bester Übereinstimmung mit dem botanischen Hintergrund – unser im Freiland gekeschertes Einzelstück, wodurch das Vorkommen in Deutschland nunmehr bestätigt ist. Nel (loc. cit.) merkt an, dass die an L. tenuifolium lebenden, aus den südfranzösischen Gebirgen stammenden Tiere nur halb so groß wie die von L. narbonense seien und aufgrund dieses auffallenden Unterschieds der taxonomische Status zu hinterfragen sei. Unser Stück weist jedenfalls die identische BIN wie Tiere aus Österreich und Italien auf (Datenbank BOLD, unveröffentlichte Daten); im Fall, dass durch künftige Forschungen tatsächlich noch eine andere Kryptospezies in Südwesteuropa erkannt werden sollte, ist davon auszugehen, dass es sich bei dem bayerischen Tier um die „echte“ C. striolatella handelt (Locus typicus). SL: Lkr. Main-Spessart, Karlstadt, Gambach/Umg., 4.6.2010, BC ZSM Lep 72115 (leg. et coll. HASLBERGER). Neu für das Schichtstufenland und Unterfranken."
Durch diesen Fund in Mainfranken bekam die Uralt-Meldung aus Baden-Württemberg wieder neue Nahrung: Der Fundort Tauberbischofsheim liegt nur 40 km südlich der neuen Fundstelle bei Karlstadt und im naturräumlich und vegetationskundlich gleichen Kontext! Meine Formulierung "Gezielte Nachsuche im Tauberland könnte sich also lohnen." hat sich bestätigt: Maurizio König fand die Art 2025 im NSG Langenfeld bei Königheim, wenige Kilometer westlich von Tauberbischofsheim.
Aus Rheinland-Pfalz wurde die Art noch nie angeführt. Toll (1952: 156) beschrieb von dort aber Coleophora moestella mit den Worten: "Das beschriebene Tier wurde in der Rheinpfalz erbeutet. Die Art steht genitaliter der C. striolatella Z. sehr nahe. Sie unterscheidet sich von dieser durch stärker entwickelten Gnathos, kürzere Valven, caudalwärts gleichmäßiger zugespitzten Sacculus und kürzere, zahlreichere Cornuti (bei C. striolatella Zell. fand ich nur ein Cornutum). Der Bau des ganzen Genitalapparates im Vergleich zu G. striolatella Zell. ist gedrungener." Baldizzone (1985: 196) synonymisierte C. moestella mit C. striolatella. Leider nannte Toll (1952: 156) für seinen Falter aus der "Rheinpfalz" weder einen genaueren Fundort noch einen Finder oder ein Datum. Da es in der Pfalz an den standörtlich passenden Stellen Linum tenuifolium gibt, ist die Fundregion jedenfalls glaubhaft; auch dort sollte erneut nach der Art gesucht werden.
(Autor: Erwin Rennwald)
4.3. Literatur
- Baldizzone, G. (1979): Contributions à la connaissance des Coleophoridae, XIII. Les espèces de Coleophoridae décrites par Pierre Chrétien. — Alexanor 11 (3): 111-130, pl. XIV-XXXVII.
- Baldizzone, G. (1985): Nueve sinonimie nel genere « Coleophora » Hubner (IV). Contribuzioni alla conoscenza dei « Coleophoridae ». XL (Lepidoptera). — Rivista Piemontese di Storia Naturale 6: 181-198. [PDF auf storianaturale.org]
- Baldizzone, G. (1989): Contribuzioni alla conoscenza dei Coleophoridae. LVIII. Nuove sinonimie nel genere Coleophora Hübner (VII) (Lepidoptera). — Rivista Piemontese di Storia Naturale 10: 145-154. [PDF auf storianaturale.org]
- Beschreibung als Coleophora benedictella: Chrétien, P. (1904): Les chenilles des Lins (Suite.). — Le Naturaliste 26 (417): 162-164.
- Nel, J. (2001): Atlas des genitalia mâles et femelles des lépidoptères Coleophoridae de France. — Revue de l'Association Roussillonnaise d'Entomologie, Supplement 10: 1-34. [Sekundärzitat]
- Richter, I. (2018): New findings of the case-bearing moth (genus Coleophora Hübner, 1822) from the Balkan Peninsula with description of two new species (Lepidoptera, Coleophoridae). — Microlepidoptera.hu 13: 43-52. [PDF auf epa.oszk.hu]
- Richter, I. & G. Pastorális (2015): New findings of case-bearing moth species of Goniodoma and Coleophora genera from the Balkans (Lepidoptera: Coleophoridae). — Microlepidoptera.hu 8: 29-42. [PDF auf epa.oszk.hu]
- Segerer, A.H., Haslberger, A., Heindel, R., Grünewald, T. & P. Lichtmannecker (2015): Erstfunde faunistisch signifikanter Schmetterlingsarten in Deutschland und Bayern (8. Beitrag zur genetischen Re-Identifizierung heimischer Lepidoptera) (Insecta: Lepidoptera: Nepticulidae, Gelechiidae, Coleophoridae, Tortricidae). — Nachrichtenblatt bayerischer Entomologen, 64 (3/4): 70-76. [PDF auf zobodat.at]
- Suire J. (1961): Contributions à l'étude des premiers états du genre Eupista. — Annales Ecologie Agricole, Montpellier, 30 : 1-186. [Sekundärzitat]
- Beschreibung als Coleophora moestella und Coleophora dichroella: Toll, S. (1952): Studien über die Genitalien einiger Coleophoriden. XI. — Zeitschrift der Wiener Entomologischen Gesellschaft 37 (9-11): 156-165, pl. 18-19 [hier 156, pl. 18]. [PDF auf zobodat.at]
- Erstbeschreibung: Zeller, P. C. (1849): Beitrag zur Kenntniss der Coleophoren. — Linnaea Entomologica. Zeitschrift herausgegeben von dem entomologischen Vereine in Stettin 4: 191-416. Berlin (E. S. Mittler und Sohn).



















