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Falter
Eiablage
Raupe
Puppe
Ei
Inhalt

1. Lebendfotos

1.1. Falter

1.2. Eiablage

1.3. Raupe

1.4. Puppe

1.5. Ei

2. Biologie

2.1. Nahrung der Raupe

  • [Asteraceae:] Hieracium pilosella (Mausohr-Habichtskraut)
  • [Asteraceae:] Hypochaeris radicata (Gewöhnliches Ferkelkraut)

Zunächst hatte ich hier formuliert: "Noch unbekannt! In der Zucht werden die auch für Lemonia dumi genutzten Futterpflanzen angenommen; Šumpich & Jagelka (2021: 490) schreiben dazu: "We used Taraxacum sp., Sonchus sp. and Lactuca virosa as foodplants in captivity"." Jeroen Voogd [widersprach in seinem Forumsbeitrag vom 22. Januar 2022]: "This is not true the caterpillars use Hieracium pilosella and Hypochaeris radicata as foodplant in The Netherlands." Es scheint also doch Freilandfunde von Raupen gegeben zu haben, von denen die Autoren der Erstbeschreibung aber nichts wissen konnten, da sie ja den Kontakt zu den in den Niederlande vor Ort tätigen Entomologen mieden.

3. Weitere Informationen

3.1. Etymologie (Namenserklärung)

Šumpich & Jagelka (2021: 490) erläutern ihre Namenswahl: "The species name batavorum is given after Batavi, an ancient Germanic tribe that once inhabited the Gelderland region in the Netherlands (formerly called Batavia), from where the new species is described; noun in apposition."

3.2. Taxonomie und Faunistik

Šumpich & Jagelka (2021: 484) stellen gleich im Titel ihrer Arbeit fest: "Lemonia batavorum sp. nov. from the Netherlands, an overlooked sibling of L. dumi". Ich erlaube mir, hier ein "?" zu ergänzen. Zugegeben, die Falter sehen schon ein bisschen anders aus als "normale" L. dumi, einfach düsterer, mit erheblicher Reduzierung der gelben Zeichnungselemente und Ausdehnung der dunklen Farbelemente. Aber was - bitteschön - würden wir bei isolierten Populationen im atlantischen Randbereich anderes erwarten als eine Verschiebung genau in diese Richtung?

Šumpich & Jagelka (2021: 484) erklären zu den Raupen von L. batavorum: "Caterpillars in final stage are coloured similarly to those of L. dumi (Figs 31–32) but have more brightly developed yellowish white stripes on body segments." Hier geht das Merkmal also in die andere Richtung: mehr helle Farbzeichnung. Offensichtlich haben die Autoren bisher nur wenige Raupen von L. dumi gesehen - denn zumindest die Raupen vom Oberrhein decken die gesamte Bandbreite der Erscheinung ihrer beiden "Arten" ab - die meisten sehen dort aus wie "typische" L. batavorum, also mit deutlicher Hellgelb-Zeichnung neben den schwarzen Flecken. Das ist also Variabilität und hat nichts mit Art-Unterschieden zu tun.

Verbleiben also die Genitalien beider Geschlechter. Šumpich & Jagelka (2021: 484) glauben, deutliche Unterschiede in den Genitalien beider Geschlechter gefunden zu haben. Die mag es geben, aber Variabilität gibt es hier offensichtlich auch. Wer schaut sich schon Genitalien von Lemonia dumi an? Bei so wenigen Exemplaren würde ich mich hier nicht getrauen - Unterschiede als Artunterschiede zu interpretieren.

Was war passiert: der Zweitautor hatte 2016 auf der Insektenbörse in Prag ein paar Eier von L. dumi mit Herkunftsdaten aus Holland gekauft - der Sammler der Eier (bzw. des Weibchens) blieb unbekannt - schließlich war L. dumi in den Niederlanden zwar als Art nicht besonders geschützt, da sie dort aber nur aus einem einzigen Nationalpark (Nationaal Park De Hoge Veluwe) bekannt ist, war leicht auszurechnen, dass die Entnahme und der Verkauf der Tiere der Naturschutzbehörde nicht gefallen hätte. Schon die Raupen wirkten anders als solche aus Tschechien, und die Falter waren dann eben dunkler. Also wurde ein Exemplar dem Barcoding zugeführt, mit dem überraschenden Ergebnis einer Abweichnung von 1,92 % gegenüber "normalen" L. dumi. Also wurden noch einmal 2 Tiere gebarcodet - mit dem wenig überraschenden Ergebnis, dass die Barcodes der 3 Tiere identich waren. Deshalb suchte und fand man Genitalunterschiede und beschrieb eine neue Art: "BIN BOLD: AEA3525 (n = 3). The average intraspecific divergence of the barcode region is 0.0 %. Distance to the nearest neighbour is 1.92 %. (L. dumi [BIN BOLD: AAD9009; n = 13 (7 public); records from Finland, Sweden, Czechia, Slovakia, Ukraine, Russia; the average intraspecific divergence of the barcode region is 0.37 %, maximum 0.64 %]). For other details see Fig. 26 and Conclusions."

In den "Conclusions" (S. 494) ist dann zu lesen: "During the preparation of this paper, we dealt with a problem, whether the new taxon should be assigned to the species or subspecies level. Beside the fact that L. batavorum is easily distinguishable based on its external appearance we also considered its genetic relationship with other taxa. [...] Thus, it is clear that distances of barcode regions cannot be the only criterion for determining the taxonomic position of a new taxon in this genus, but all features must be considered in context. We conclude that the distinct diff erences in habitus, genitalia of both sexes as well as a relatively big distance from the nearest neighbour (L. dumi) support our decision to describe L. batavorum as a species level taxon."

Was leider gar nicht diskutiert wird, ist, wie es denn zur Entstehung dieser "Art" gekommen sein soll. Holland bietet da weit weniger Möglichkeiten als z.B. Korsika - weshalb es eine lange Reihe von Endemiten für Korsika gibt, aber eben nicht für Holland. Und warum wurde nur mit Tieren aus Tschechien, Schweden und Finnland verglichen? Warum wurden keine Tiere aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg, Belgien oder Frankreich einbezogen? Für eine umfassende Bearbeitung erscheint mir das alles zu dürftig.

Zur Verbreitung der neuen "Art" ist zu erfahren: "The Netherlands (Schaffers 1995, Vos et al. 2008, this paper). It looks that the current distribution area is located only in the small north-western part of the country delimited by large rivers – the Waal in the south and the Ijssel in the east. In the past, L. dumi was reported also from Noord-Brabant in the south of the Netherlands but it has not been confi rmed there since 1895 (Vos et al. 2008). According to Schaffers (1995) the last occurrence of L. dumi in the Netherlands before discovery in Hoge Veluwe originated from Swalmen in the Limburg region from 1956. However, most probably all these records belong to L. dumi, not to L. batavorum, similarly to the records from Belgium and northern France (cf. Lebrun 2007, Joseph & Jugan 2012). We also did not find any voucher specimens of L. batavorum from northwest Germany. The moths from Denmark definitely belong to L. dumi."

Für mich spricht hier alles für eine extreme Inzucht-Linie am Rande des Verbreitungsareals. Die Isolation dürfte dabei nicht mehr als 200 Jahre betragen haben, vermutlich noch deutlich weniger. Das nächste aktuelle Vorkommen von L. dumi in ca. 120 km Entfernung in Nordrhein-Westfalen wurden nach schmetterlinge-d.de 2009 von H.-J. Weigt bei Ottmarsbocholt festgestellt, wenig weiter gibt es das auch 2020 noch besetzte Vorkommen in der "Senne" bei Bielefeld. Warum hat man da auf Kreuzungsversuche mit Tieren von dort verzichtet?

Und der Naturschutz? Die Autoren argumentieren: "Lemonia dumi has not been protected in the Netherlands so far (Vos et al. 2008) although the species was very rare and potentially endangered there. Currently it occurs only in De Hoge Veluwe National Park [...]. Considering that the current Dutch populations are here placed to a separate species, its strict protection and especially active support of its habitats (or sites of its potential occurrence) is absolutely necessary to save its gene pool." Ja, der besondere Gen-Pool bedarf hier tatsächlich eines besonderen Schutzes. Der Dank der Autoren hätte dann aber etwas selbstkritischer ausfallen können: "We express our thanks to an unknown collector who provided us with the eggs". Ist den Autoren denn wirklich nicht klar, dass das Geschäftsmodell dieses "unknown collectors" jetzt erst richtig Fahrt aufnehmen wird?

Alles in allem mein Fazit: Die Artbeschreibung ist wahrscheinlich überflüssig, in jedem Fall viel zu früh. Der Hinweis auf die innerartliche Vielfalt unserer Arten ist aber interessant.

(Autor: Erwin Rennwald)

3.3. Literatur