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Falter
Raupe
Jüngere Raupenstadien
Puppe
Ei
Männchen
Weibchen
Erstbeschreibung
Habitat
Inhalt

1. Lebendfotos

1.1. Falter

1.2. Raupe

1.3. Jüngere Raupenstadien

1.4. Puppe

1.5. Ei

2. Diagnose

2.1. Männchen

2.2. Weibchen

2.3. Raupe

Die Raupe entwickelt sich im Laufe ihrer Häutungen zu einem echten Kaktus. Die Haare sind im letzten Kleid dermaßen spitz, dass man die Tiere mit bloßen Fingern nicht mehr anfassen will. Die knalligen Warzen älterer Raupen haben nur wenige Borsten, so dass die Tiere für eine Bärenraupe wenig wuschelig wirken.

Text: Stefan Ratering [Forum]

2.4. Erstbeschreibung

3. Biologie

3.1. Habitat

4. Weitere Informationen

4.1. Etymologie (Namenserklärung)

„die Schamhafte.“

Spuler 2 (1910: 139L)

4.2. Andere Kombinationen

4.3. Synonyme

4.4. Faunistik

Die Art wurde von Karsholt & Razowski (1996) mit "?" für die Schweiz aufgeführt. Sauter & Whitebread (2005) strichen die Art für die Schweiz, weil sie die alten Angaben für nicht glaubwürdig hielten. SwissLepTeam (2010) erwähnte sie dann gar nicht mehr. Daher führten auch wir die Art nicht länger als Bestandteil der Fauna der Schweiz. Ende November 2017 erschien dann die Arbeit von Wölfling & Nässig (2017), in der über den Fund eines neuen Sammlungsbelegs berichtet wird, der die bisherigen Angaben stützen soll.

Die Fakten:

  • Wölfling & Nässig (2017) nennen als früheste, die Schweiz konkret benennende Angabe den Eintrag von Hofmann (1887: 43): "In May, June in the south of Switzerland, Styria, Dalmatia and south Europe." Sie stellen fest, dass es dazu keine Fundortnennung und auch kein Belegtier gibt.
  • Die erste Meldung mit Fundregion und Melder gab es dann bei Vorbrodt in Vorbrodt & Müller-Rutz (1914: 223): "Diese südliche Art ist durch Ghidini im Tessin erbeutet worden; er schreibt: "Bioggio 8. VI. 1892, Muggio 6. VII. 1895, Prato.""
  • 17 Jahre später werden diese Meldungen noch einmal aufgegriffen, und zwar wieder durch Vorbrodt (1931: 372), der die Art jetzt allerdings aus seiner Liste der Schmetterlinge des Tessin streicht und per Fußnote begründet: "Als Falter angebl. gef. 8.6.-6.7.1881/95 Prato, Muggio, Bioggo (Ghid.); diese Zeiten entsprechen den Lebensgewohnheiten des Tieres nicht. Eine Raupe traf Rougemont bei Chiasso. Irrgäste?" Wölfling & Nässig (2017) erwähnen diesen kritischen Nachtrag nicht.
  • Wölfling & Nässig (2017) verweisen auf einen Karten-Eintrag auf [Info Fauna des CSCF] etwas nordöstlich von Locarno und erläutert mit "Josef Culatti 1959".
  • Anlass zur Zusammenstellung von Wölfling & Nässig (2017) war ein bisher anscheinend nicht bekannter Beleg aus Locarno. Er trägt die handschriftlichen Etikettendaten: "Euprepia pudica Esp. 10.9.1910 Locarno Schweiz" und schwarz gedruckt "Wolk" als Sammler; "Goslar" als aufgedruckter Fundort wurde durchgestrichen. Die Sammlung M. Wolk wurde Bestandteil der Sammlung von Gaetano Monti und ging jetzt in die Sammlung von Mirko Wölfling über. Das Tier von 1910 war bisher anscheinend nirgendwo in der Literatur erwähnt worden.

Meine Interpretation:

  • Die Meldung von Hofmann (1887: 43) ist nicht ernst zu nehmen. Es gibt keine Fundortnennung und die Angabe Mai, Juni könnte die Raupe betreffen, aber ganz bestimmt nicht den Falter.
  • Die beiden von Vorbrodt in Vorbrodt & Müller-Rutz (1914) genannten, angeblich von Ghidini bei Muggio (1892 oder 1881?) und Bioggo (1895) gesammelten Tiere wurden von Vorbrodt (1931: 372) wegen der genannten angeblichen Fangdaten völlig zurecht als unglaubhaft verworfen. Vorbrodt selbst hat diese angeblichen Belegexemplare nie gesehen; über ihren heutigen Aufenthaltsort und damit die Richtigkeit oder Unrichtigkeit ihrer Bestimmung scheint nichts bekannt zu sein. Fest steht nur: Die Falter fliegen auch in Südfrankreich erst ab Ende August / Anfang September, aber niemals im Juni oder Anfang Juli! Falter zu dieser Jahreszeit kann man durch Treibzucht erhalten, aber hier sollen die Falter ja gefangen worden sein. Ich unterstelle daher Fehlbestimmung oder ein reines Fantasieprodukt.
  • Wölfling & Nässig (2017) gehen nicht auf den Sammler Josef Culatti ein und nennen auch keinen Fundort. Sie kannten nur den Eintrag auf Info Fauna, aber nicht das betreffende Tier selbst und das zugehörige Etikett (mit Datum). Sauter (1993) berichtet über "Die entomologischen Sammlungen an der ETHZ"; bei ihm ist zu lesen: "Culatti, Josef. 6. Februar 1890 – 13. Dez. 1981. Feinmechaniker, Inhaber einer Firma für Gasbrenner, Drehwiderstände und Messgeräte in Zürich. Baute auch die Modelle «Honigbienen-Sammelapparat» und «Borkenkäfer-Entwicklung» im Entomologischen Institut. Coll.: Besass 2 Macrolepidopterensammlungen: in seinem Ferienhaus in Minusio eine Minusio-Sammlung (14 K.), in Zürich die Hauptsammlung (88 K.). Beide erhalten 1982, in die neue Palaearktensammlung integriert." Minusio liegt am Lago Maggiore direkt nordöstlich von Locarno, also dort, wo bei Info Fauna der Punkt in der Karte zu finden ist. Das Tier steckte also in einem der 14 Kästen der Minusio-Sammlung und ist jetzt in der Hauptsammlung der ETH Zürich zu suchen. Dank Michael Greeff von der ETHZ kam es hier zu einer schnellen Klärung: Erfreulicherweise sind die Falter-Belege und Etiketten bei der Überführung in die Hauptsammlung fotografiert und die Daten in eine Datenbank übernommen worden. Das überraschende Ergebnis: Das Fundortetikett trägt auf einer Seite den gedruckten Hinweis "J. Culatti Zürich", auf der anderen Seite steht handschriftlich "Minusio 22.11.59 Werkstätte". Dass der bis dahin 69-jährige Josef Culatti in seinem Urlaubsdomizil nicht auf eine eigene Werkstätte verzichten wollte, überrascht nicht. Und dass man diese Werkstätte nach der Haupt-Faltersaison auch mal aufräumt, auch nicht. Und wenn man dann in einer Spinnwebe so einen interessanten Falter findet, tut man alles, dass er noch gespannt und in die Lokalsammlung integriert wird. Das Funddatum deutet jedenfalls eine solche Interpretation an - und das Aussehen des Falters noch viel mehr: keine Fühler, alle vier Flügel ramponiert, der Hinterleib auch. Aber die Bestimmung ist natürlich zweifelsfrei. Die sonstigen Etiketten lauten: "ex coll. Culatti", "Kontrolliert und bestimmt Hans-Ueli Grunder" und "Datenbank CSCF Neuchâtel RESER 2006". Der Fund scheint den schweizerischen Autoren bis 2006 tatsächlich nicht bekannt gewesen zu sein. Aus dem Schenkungsdokument der Coll. J. Culatti geht hervor: "Am 8.III.1982 die "Minusio"-Sammlung erhalten [...] Die Minusio-Sammlung war in seinem Haus in Minusio stationiert und enthielt die Arten, welche er dort (zumeist am Licht) gefangen hatte." Der Falter wurde also wohl durch Licht angelockt, hat sich dann aber unbemerkt irgendwo in der Werkstätte verkrochen und wurde erst Wochen danach tot gefunden. Gerade der schlechte Zustand des Falters macht es sehr wahrscheinlich, dass es sich hier nicht um ein getauschtes oder gezüchtetes Tier von irgendwo handelt, sondern um ein genau hier vorgefundenes Exemplar. Es handelt sich dabei um das erste sicher in der Schweiz gefundene Tier, wobei Verschleppung wohl wenig wahrscheinlich ist. Marmet & Schmid (2000), die Autoren des Kapitels über die Arctiidae in Pro Natura - SBN, Band 3, wiederholen die Kritik von Vorbrodt (1931: 372) an den beiden publizierten Belegen von Ghidini - einfach wegen der unmöglichen Funddaten. Da sie den Fund von Culatti nicht kannten, schrieben sie: "Verlässliche Angaben aus dem 20. Jahrhundert gibt es keine". Sie formulierten aber: "Es ist jedoch durchaus möglich, dass in seltenen Fällen vereinzelte Tiere von Norditalien bis ins Tessin gelangen können." Ich teile die Einschätzung von Jürg Schmid (per E-Mail, 7. November 2017): "Teile des Tessins gehört zweifelsfrei zum Submediterraneum, und da kann es immer wieder mal vorkommen, dass mediterrane Tiere dort auftauchen [...]. Dass C. pudica in den letzten hundert Jahren hie und da sich ins Tessin verirrte, scheint mir weder abwegig noch sensationell. Ein Faunenbestandteil der Schweiz ist die Art deswegen nicht."
  • Was bringt das neu durch Wölfling & Nässig (2017) gemeldete Tier von M. Wolk aus dem Jahr 1910 vor diesem Hintergrund? Nun, zunächst hat die Publikation die Recherche nach dem Culatti-Tier angestoßen! Und klar, es könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, dass sich auch schon vor 1959 ab und zu ein Tier bis in die Südschweiz verirrte. Das Tier scheint fransenrein zu sein (also doch ein Zuchttier?) und es wurde natürlich sofort richtig bestimmt. Und immerhin passt diesmal auch das Datum Anfang September. Aber: Die Art war jedenfalls schon damals "etwas Besonderes" für das Tessin - warum hat Vorbrodt (1914) nichts vor seiner Publikation von dem Fund mitbekommen? Und noch mehr: Warum auch nicht nachher? Was, wo und wie sammelte M. Wolk? Wie gut hat er seine Sammlung etikettiert? Hat er das fragliche Tier selbst in Locarno gesammelt? Oder von einem anderen Sammler mit Wohnort Locarno bekommen? Für zumindest einen Teil dieser Fragen gibt es durch M. Wölfling Antworten, die ich am 8. Dezember 2017 bzw. 3. Januar 2018 per E-Mail erhielt. Daraus wird klar, dass Herr Wolk in Goslar wohnte und wohl einige Male bei Locarno gesammelt hatte, wobei seine schweizerischen Funde zumeist in sein Rentenalter (1950er Jahre) fallen. Er war "kein großer Sammler" und stand so auch nicht viel im Austausch mit anderen Sammlern - das erklärt ausreichend, warum Vorbrodt (1931) - lange vor dem Rentenalter Wolfs - nicht von ihm wusste. Zum Zeitpunkt seines C. pudica-Fundes steckte er als Sammler noch mehr oder weniger "in den Kinderschuhen". Wichtig: Die Sammlung ist insgesamt "sauber" etikettiert. Zu den gedruckten Standard-Etiketten gibt es teilweise handschriftliche Ergänzungen. Wichtiger: Bei einzelnen Tieren wird auf dem Etikett ausdrücklich erwähnt, dass sie gekauft wurden, und auch sonst ist bei nicht selbst gesammelten Tieren Fundort und Finder auf den Etiketten zu finden. Damit wird plausibel dass der handschriftliche Eintrag "10.9.1910 Locarno Schweiz" wohl tatsächlich als Eigenfund Wolks zu verstehen ist. Ich betrachte den Fund insgesamt mittlerweile doch als plausibel.
  • Das bedeutet, dass es mindestens 2 Nachweise aus der Südschweiz im Abstand mehrerer Jahrzehnte gibt. Abzuleiten ist daraus, dass sich einzelne Falter dieser Art in großen zeitlichen Abständen vom Mediterranraum bis in den Submediterranraum verirren - eine zeitweilige Bodenständigkeit ist daraus sicher nicht abzuleiten.

(Autor: Erwin Rennwald)

4.5. Publikationsjahr der Erstbeschreibung

Wir übernehmen hier die von Heppner (1981) detailliert recherchierten Publikationsjahre.

4.6. Literatur

  • Erstbeschreibung: Esper, J. C. [1782-1786] ("1782"): Die Schmetterlinge in Abbildungen nach der Natur mit Beschreibungen. Dritter Theil. 1-396, pl. I-LXXIX. Erlangen (Wolfgang Walther).
  • Heppner, J. B. (1981): The dates of E. J. C. Esper's Die Schmetterlinge in Abbildungen ... 1776–[1830]. — Archives of Natural History 10 (2): 251–254.
  • Marmet, P. & J. Schmid (2000): Arctiidae - Bärenspinner. — S. 581-744. In: Pro Natura – Schweizerischer Bund für Naturschutz (Hrsg.) (2000): Schmetterlinge und ihre Lebensräume. Arten, Gefährdung, Schutz. Schweiz und angrenzende Gebiete. Band 3. - 914 S.; Egg (Fotorotar AG).
  • Sauter, W. (1993): Die entomologischen Sammlungen an der ETHZ. — Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich 138 (3): 203-218. [PDF auf ngzh.ch]
  • Sauter, W. & S. Whitebread (2005): Die Schmetterlinge der Schweiz (Lepidoptera). 9. Nachtrag. — Mitteilungen der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft, Bulletin de la Société Entomologique Suisse, 78 (1/2): 59-115. [Digitalisat auf e-periodica.ch]
  • SwissLepTeam (2010): Die Schmetterlinge (Lepidoptera) der Schweiz: Eine kommentierte, systematisch-faunistische Liste. — Fauna Helvetica 25. Neuchâtel (CSCF & SEG).
  • Vorbrodt, K. (1931): [Tessiner und Misoxer Schmetterlinge] [Fortsetzung]. — Mitteilungen der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft, 14 (8): 329-396. [Zugang via e-periodica.ch]
  • Vorbrodt, K. & Müller-Rutz (1914) Die Schmetterlinge der Schweiz. II. Band. Geometridae, Arctiidae, Syntomidae, Zygaenidae, Limacodidae, Psychidae, Thyrididae, Cossidae, Hepialidae (bearbeitet von Karl Vorbrodt). Pyralidae, Tortricidae, Glyphipterygidae, Ochsenheimeriidae, Pterophoridae, Orneodidae, Gelechiidae, Heliodinidae, Momphidae, Coleophoridae, Gracillariidae, Oenophilidae, Phyllocnistidae, Lyonetiidae, Cemiostomidae, Elachistidae, Scythrididae, Hyponomeutidae, Acrolepiidae, Tineidae, Monopidae, Incurvariidae, Tischeriidae, Heliozelidae, Nepticulidae, Eriocraniidae, Micropterygidae (bearbeitet von J. Müller-Rutz). – 726 S.; Bern (Wyss). [zur Arbeit auf biodiversitylibrary.org]
  • Wölfling, M. & W.A. Nässig (2017): Cymbalophora pudica (Esper, [1785]) in Switzerland (Ticino) - former occurence apparently confirmed by rediscovered historic specimen in private collection (Lepidoptera: Erebidae, Arctiinae). — Nachrichten des entomologischen Vereins Apollo, Neue Folge 38 (2/3): 129-130.