Version 8 / 13 vom 8. Dezember 2020 um 13:34:27 von Jürgen Rodeland
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Bestimmungshilfe / Lepidopteren-Lyrik

1. Carla Pruni und Mac Stachelbein

Ein Krimi in drei Akten von Bernd-Otto Bennedsen [Forum].

2. Dicycla oo

Du trachtest nach Dicycla oo, der schöngelben Eichenblatteule?

Feinziseliert sind die Flügel, mit Borten und Bändern geschmückt,

Drei große Makeln erstehn wie in Kupfer gestochen der Fläche,

Die sich bald jungfräulich weiß, bald gelb, bald rötlich uns zeigt.

Nirgends im dichteren Walde, nirgends im feuchteren Forst

Wirst du Dicycla begegnen, gäb es auch Eichen genug.

Waldmäntel mußt du besuchen, Waldränder sonnig und warm,

Wo unter knorrigen Ästen, tief schon zu Boden geneigt,

Niedriger Buschwald heranwächst auf kargem und steinigem Grund.

Blütengesprenkelt die Rasen, die talwärts den Hang hinabziehn,

Wo einst der geduldige Hirte die Herde zur Weide geführt.

Axel Steiner

3. Macrothylacia rubi

Gedicht "Herzerweichendes Sterbelied einer männlichen Macrothylacia-rubi-Raupe nach ihrer Überwinterung" von Hermann Moritz Pabst (1885): zitiert in einem [Beitrag von Axel Steiner]

4. Papilio machaon

Der Ruhm, wie alle Schwindelware,

Hält selten über tausend Jahre.

Zumeist vergeht schon etwas eh'r

Die Haltbarkeit und die Kulör.

Ein Schmetterling voll Eleganz,

Genannt der Ritter Schwalbenschwanz,

Ein Exemplar von erster Güte,

Begrüßte jede Doldenblüte

Und holte hier und holte da

Sich Nektar und Ambrosia.

Mitunter macht er sich auch breit

In seiner ganzen Herrlichkeit

Und zeigt den Leuten seine Orden

Und ist mit Recht berühmt geworden.

Die jungen Mädchen fanden dies

Entzückend, goldig, reizend, süß.

Vergeblich schwenkten ihre Mützen

Die Knaben, um ihn zu besitzen.

Sogar der Spatz hat zugeschnappt

Und hätt' ihn um ein Haar gehabt.

Jetzt aber naht sich ein Student,

Der seine Winkelzüge kennt.

In einem Netz mit engen Maschen

Tät er den Flüchtigen erhaschen,

Und da derselbe ohne Tadel,

Spießt er ihn auf die heiße Nadel.

So kam er unter Glas und Rahmen

Mit Datum, Jahreszahl und Namen

Und bleibt berühmt und unvergessen

Bis ihn zuletzt die Motten fressen.

Man möchte weinen, wenn man sieht,

Daß dies das Ende von dem Lied.

Wilhelm Busch, 1874 (aus: Kritik des Herzens)

5. Polyommatus coridon

Lysandra coridon oder:

Vom Glück, einen seltenen Falter zu sehen — und ihn fliegen zu lassen

Auf meinem Weg im Sonnenschein

bemerk ich einen Schimmer.

Ein kleiner Bläuling wird es sein,

wohl argus, so wie immer.

Mein Blick folgt ihm, der silbrigblau

gen gelbe Blüten segelt,

solange, bis er — zielgenau —

vom Nektardunst umnebelt.

Des Göttertrankes süßer Duft,

der aus den Kelchen schwand,

verströmte in der lauen Luft,

wo ihn die Fühler fand‘n,

die diesem kleinen Falter dann

den Weg zur Quelle wiesen,

wo er ins Blütenfiligran

hinabsank zum Genießen.

Die Neugier treibt mich, hin zu geh‘n,

um mich zu überzeugen,

daß das, was eben ich gesehn,

auch lohnt zum Niederbeugen.

Da sitzt ein coridon vor mir,

das hebt die gute Laune.

‘Ein wirklich wunderschönes Tier’,

denk’ ich — und schau‘ — und staune.

‘Da wär‘ ein Platz im Kasten frei,

du könntest ihn besetzen.

Doch langsam, ich hab keine Eil’, ich will dich nicht verletzen.’

Von oben schaue ich hinab

und kann’s kaum wirklich fassen,

welch selt’nes Glück ich heute hab.

Doch — sollt‘ ich’s lieber lassen? —

Von innen raunt es leis mir zu

‘Du mußt dich nun entscheiden.

Schlag fest mit deinem Kescher zu,

nur laß das Tier nicht leiden.’

Ich schau hinab und frag mich bloß:

’Soll ich es wirklich lassen,

und ihn, der da so ahnungslos,

nur mit dem Aug’ erfassen?’

Auf leuchtend Gelb grünschillernd Blau

Umrahmt von zarten Zweigen.

Was ich mit meinen Augen schau,

ist nur Natur zu eigen.

‘Wer hat ihn nur so schön gemacht?’

frag ich mich still im Innern.

‘Wer gab ihm diesen Glanz, die Pracht,

den lieblich sanften Schimmer?’

Die Fragen geh‘n mir durch den Sinn,

beglückt bin ich und heiter

und sehe wie gebannt dorthin,

ganz stumm — und staune weiter.

Er stellt die Flügel steil empor.

‘Ach, bitte, öffne wieder.’

Er tut’s, und ich so voller Glück

schau weiter staunend nieder.

Das Netz in meiner rechten Hand,

ich hab es längst vergessen.

(Auf ihn, der hier am Wegesrand,

war einstens ich versessen!)

Vergessen ist der freie Platz

in meinem Sammelkasten.

Ich sehe vor mir nur den Schatz

mit seinem Rüssel tasten.

Mir ist, als spüre er in sich,

daß er nicht fürchten müsse

den Menschen, der so fürchterlich

und groß (allein die Füße!).

Doch da, fast ahnte ich es schon:

Es flieht der sanfte Schimmer.

Er steigt empor. Er fliegt davon.

Und ich? —

Ich staun’ noch immer.

Eckard O. Krüger

6. ...am Bach bei der Laterne

Man sah sie schon aus weiter Ferne:

Schmetterlinge gross und klein.

Am Wildbach nachts bei der Laterne,

hatten sie ihr Stell-dich-ein.

Falter von den schönsten Arten

hab‘ ich an der Wand entdeckt.

Konnt‘ die Morgen kaum erwarten.

Mein Interesse war geweckt.

Staunend stand ich nur und schaute,

was sich stets am Licht befand.

Meinen Augen kaum mehr traute

ob der Vielfalt an der Wand.

Doch morgens früh am zwölften Tage,

traf ich dort ein Schlachtfeld an.

Tief in mir die stumme Frage:

„Wer hat sowas nur getan?“

Was meine Seele hat beglückt

am morgen früh bei der Laterne,

lag am Boden nun zerstückt.

Ich hätt‘ sie lebend doch so gerne!

Und was mein Interesse hat geweckt,

von Arten die ich niemals sah,

haben andere auch entdeckt.

Die Vögel - waren schneller da!

.....

Nun ist die Mauer wieder leer,

die Laterne ausgebrannt.

Falter und Vögel hat‘s nicht mehr.

Friedvolle Leere an der Wand.

Hildegard Stalder [Forum]